Betriebliches Mobilitätsmanagement im Gesundheitswesen

Kosten senken, Personal gewinnen, Emissionen reduzieren.

Warum es gerade jetzt zählt

Die Bundesregierung fördert seit 2024 Betriebliches Mobilitätsmanagement (BMM) ausdrücklich. Die Förderrichtlinie schafft Planungssicherheit und kofinanziert Projekte von der Analyse bis zur Umsetzung.¹ :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Bis 2049 steigt der Bedarf an Pflegekräften um rund ein Drittel, auf 2,15 Millionen.² :contentReference[oaicite:1]{index=1} Der Verkehrssektor verursacht weiterhin gut ein Fünftel der deutschen Treibhausgasemissionen. Kliniken tragen als große Arbeitgeber mit Schichtbetrieb über Mitarbeitenden-, Patienten- und Besucher­mobilität substanziell dazu bei.³

Leitfrage: Wie erschließen Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime in Deutschland mit einem digitalen, ganzheitlichen BMM messbare Effekte bei Kosten, Zeit und CO₂ – und erhöhen zugleich ihre Attraktivität im Wettbewerb um Talente?

Hohe Pendeldistanzen, knappe Zeit, diffuse Emissionen

Beschäftigte in Deutschland pendeln im Schnitt 23 Kilometer pro Weg und 30 Minuten pro Strecke. Das Auto dominiert, obwohl Fahrräder und E-Bikes zusammen bereits häufiger genutzt werden als der ÖPNV.⁴ :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Staus kosten Produktivität. 2024 verloren deutsche Fahrer im Mittel 43 Stunden im Stau.⁵ :contentReference[oaicite:4]{index=4} Für Kliniken bedeutet das unzuverlässige Dienstbeginnzeiten, zusätzliche Parkraumsuche und vermeidbare Kosten im Betrieb.

Politik und Steuerrecht setzen Anreize. Arbeitgeberzuschüsse für ÖPNV-Tickets sind steuerfrei (§ 3 Nr. 15 EStG).⁶ Beim Deutschlandticket greift bei mindestens 25 Prozent Arbeitgeberzuschuss ein gesetzlicher 5-Prozent-Rabatt. Der Arbeitspreis beträgt dann 55,10 Euro; Beschäftigte zahlen maximal 40,60 Euro.⁷

Warum Einzelmaßnahmen oft verpuffen?

Viele Einrichtungen agieren fragmentiert. Jobticket, Jobrad, Parkregelungen und Dienstreisen laufen in getrennten Silos. Budgets, Daten und Verantwortlichkeiten sind verteilt. Die Folge: geringe Nutzung, wenig Wirkung.

Schichtdienste fordern flexible Lösungen. Früh-, Spät- und Nachtdienste liegen außerhalb dichter Taktungen, besonders im ländlichen Raum. Klassische ÖPNV-Angebote reichen nicht aus.

Infrastruktur bremst. Sichere Radabstellanlagen, Umkleiden und Lademöglichkeiten fehlen oft. Wo Parkraummanagement analog bleibt, steigen Suchzeiten und Betriebskosten.

Nachweisbarkeit ist schwach. Ohne digitale Messpunkte fehlen CO₂-, Kosten- und Zeitmetriken, die Investitionen legitimieren und steuernde Effekte sichtbar machen.

Das ganzheitliche, digitale BMM für Kliniken

Governance & KPIs. Verankern Sie BMM als Chefsache. Definieren Sie klare Ziele für Modal Split, Parkbelegung, Pünktlichkeit, CO₂ je Mitarbeitenden-km und Total Cost of Mobility (TCM). Verknüpfen Sie BMM-Ziele mit Personal- und Nachhaltigkeitszielen.

Angebotspaket für Mitarbeitende. Kombinieren Sie steuerfreies Deutschlandticket, Fahrrad-Leasing und Mobilitätsbudget in einer App. Nutzen Sie den gesetzlichen 5-Prozent-Rabatt beim Jobticket konsequent.⁷ Erweitern Sie um Car-Pooling und bedarfsorientierte Shuttle-Services für Randzeiten.

Infrastruktur passend zum Dienstmodell. Priorisieren Sie sichere, überdachte Radstellplätze nahe Eingängen sowie Duschen/Spinde. Führende Häuser zeigen, wie es geht: Die Charité bietet bereits über 3.200 Fahrradstellplätze und baut weiter aus.⁸ Klinikum Stuttgart und weitere kommunale Häuser setzen Jobrad-Leasing um.⁹ ¹⁰

Digitaler Orchestrator. Ein zentrales, DSGVO-konformes Mobility-Frontend bündelt Ticketing, Fahrrad-Leasing, Routen/Live-Daten, Park- und Ladebuchung. Schicht-aware Algorithmen planen Mitfahrten und On-Demand-Shuttles, triggern Anreize und messen Effekte in Echtzeit (Modal Split, Pünktlichkeitsquote, belegte Stellplätze, CO₂-Einsparung).

Mitbestimmung & Tarife. Die Öffnung des Dienstrad-Leasings für Landesbeschäftigte (ab Juni 2024) erleichtert die Einführung an Universitätskliniken.¹¹

Aus der Praxis

Charité – Berlin: Jobrad-Angebot, massive Erweiterung von Radabstellplätzen und Verbesserungen der Mikromobilität auf dem Campus. Ergebnis: niedrigschwelliger Einstieg und sichtbare Infrastruktur, die Nutzung fördert.⁸

Klinikum Stuttgart & Klinikum Fürth: Kombination aus Jobrad/Fahrradleasing und Zuschuss zum regionalen Jobticket (VVS/VGN). Effekt: attraktive, planbare Benefits für Dienstplaneinsatz und Pendelwege.⁹ ¹⁰

Der finanzielle und ökologische Hebel

Nehmen wir ein Haus mit 1.000 Beschäftigten im Schichtbetrieb. Wenn 10 Prozent der Mitarbeitenden (100 Personen) vom Pkw auf Fahrrad/zu Fuß wechseln, ergibt sich bei 30 km Pendelweg pro Tag und 220 Arbeitstagen pro Jahr folgende CO₂-Einsparung: 6.600 Personen-km pro Person und Jahr × 166 g CO₂e Einsparung je Personen-km gegenüber Pkw = 1,096 t pro Person. Das sind rund 110 t CO₂e pro Jahr für 100 Mitarbeitende.¹²

Parallel lassen sich Zeit- und Kosteneffekte heben: weniger Stau- und Parksuchzeiten, höhere Pünktlichkeit, geringere Flächen- und Bewirtschaftungskosten pro Stellplatz. Die gesamtwirtschaftlichen externen Kosten sinken, weil der ÖPNV pro Personenkilometer deutlich weniger externe Kosten verursacht als der Pkw.¹³

90 Tage bis zum messbaren Nutzen

0–30 Tage. Mobilitäts-Audit (Mitarbeitenden-Survey, Dienstplan- und Standortanalyse, Park-/Lade-Bestandsaufnahme). Abschluss Rahmenverträge (Jobticket, Bike-Leasing). Governance setzen, KPIs festlegen.

31–60 Tage. Roll-out „MVP“: Jobticket mit Arbeitgeberzuschuss (inkl. 5 %-Rabatt), digitales Mobilitätsbudget, Car-Pooling-Pilot für Früh-/Spätdienste, reservierbares Parken für zwingend Pkw-Abhängige. Kommunikationskampagne mit Schicht-gerechten Botschaften.

61–90 Tage. Infrastruktur-Quick-Wins (überdachte Stellplätze, Umkleiden), Einbindung von On-Demand-Shuttles für Randzeiten, Live-Monitoring. Erste KPI-Reviews und Nachjustierung von Anreizen.

Gegenposition und Grenzen

Nicht jede Einrichtung kann kurzfristig große ÖPNV-Anteile erreichen. Ländliche Standorte, fehlende Nachtverkehre und lange Einzugsradien begrenzen den Verlagerungshebel. Hier wirken On-Demand-Shuttles, Mitfahrten und intelligentes Parkraummanagement stärker. Zudem benötigen Rad- und ÖPNV-Anteile spürbare Infrastruktur und sichere Wege. Ohne Arbeitgeberzuschuss und klare Kommunikation bleiben Nutzungsraten niedrig. Auch Tarif- und Mitbestimmungsfragen können die Einführung verlangsamen. Die These gilt daher vor allem dort, wo Governance, Angebote, Infrastruktur und Daten intelligent zusammenspielen – und die Einrichtung Anreize konsequent budgetiert.

BMM als strategischer HR- und Nachhaltigkeitshebel

Die Förderrichtlinie BMM und steuerliche Vorteile schaffen ein günstiges Timing.¹ ⁶ ⁷ :contentReference[oaicite:15]{index=15} Digitale Plattformen machen Effekte sichtbar und skalierbar. Wer jetzt investiert, senkt TCM, verbessert Dienstpünktlichkeit, reduziert CO₂ und steigert Arbeitgeberattraktivität im umkämpften Talentmarkt Pflege. Messbarkeit entscheidet: Modal-Split, Pünktlichkeitsquote, CO₂e je Mitarbeitenden-km und Stellplatz-Opex gehören ab sofort in jedes Klinik-Cockpit.

Wichtigste Takeaways auf einen Blick

  • Kosten: Jobticket-Zuschuss ist steuerfrei; mit 25 % Zuschuss greift 5 % Ticket-Rabatt – planbarer, skalierbarer Benefit.⁶ ⁷
  • Zeit: Stauzeiten sind hoch; BMM reduziert Such- und Verspätungszeiten durch Verlagerung und smartes Parken.⁵
  • CO₂: 10 % Verlagerung von Pkw auf aktive Mobilität spart in einer 1.000-Personen-Klinik rund 110 t CO₂e pro Jahr.¹²
  • HR: Attraktive, digitale Mobilitätsbenefits wirken im Recruiting und in der Bindung – gerade im Schichtbetrieb.² ⁴ ¹¹

Fazit

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen können heute mit überschaubarem Aufwand starten und kurzfristig Wirkung erzielen. Die Kombination aus steuerfreien ÖPNV-Zuschüssen, Fahrrad-Leasing, digitalem Mobilitätsbudget und schichtgerechter Shuttle-/Car-Pooling-Logik liefert messbare Ergebnisse in Kosten, Zeit und CO₂. Förderkulisse und Rechtsrahmen sind vorhanden.¹ ⁶ ⁷ :contentReference[oaicite:20]{index=20} Erfolgreich wird, wer BMM nicht als Einzelmaßnahme, sondern als digitales System versteht: Governance, Angebote, Infrastruktur und Daten greifen ineinander, sind auf den Dienstbetrieb zugeschnitten und transparent gesteuert. So steigt die Arbeitgeberattraktivität im angespannten Pflegearbeitsmarkt, und die Einrichtungen leisten einen nachweisbaren Beitrag zu Klimazielen – ohne die Versorgungsqualität zu gefährden.

Bibliografie

  1. Bundesministerium für Digitales und Verkehr. (2024). Bekanntmachung der Förderrichtlinie „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ (BAnz AT 15.01.2024 B3). Link.
  2. Bundesagentur für Arbeit. (2025). Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich. Statistik der BA. Link.
  3. Statistisches Bundesamt (Destatis). (2024). Bis 2049 werden voraussichtlich mindestens 280.000 Pflegekräfte zusätzlich gebraucht (Pressemitteilung Nr. 033). Link.
  4. Umweltbundesamt. (2025). Emissionen des Verkehrs. Link.
  5. Bundesfinanzministerium. (2024). Lohnsteuerrichtlinien – Anhang 17a: Steuerbefreiung nach § 3 Nr. 15 EStG. Link.
  6. DB Vertrieb GmbH. (2024). Deutschland-Ticket als Jobticket: Konditionen. Link.
  7. Stadtwerke München / MVG. (2025). Deutschlandticket Job. Link.
  8. Bundesverband Betriebliche Mobilität e. V. (2024). BBM Mobility Survey 2024. Link.
  9. INRIX. (2025). 2024 Global Traffic Scorecard. Link.
  10. Charité – Universitätsmedizin Berlin. (o. J.). Mobilität. Link
  11. Klinikum Stuttgart. (o. J.). Benefits – Jobrad. Link.
  12. Klinikum Fürth. (o. J.). Wir als Arbeitgeber – Mobilität. Link.
  13. Universität Tübingen. (2024). JobBike BW – Infos zum Fahrradleasing für Landesbeschäftigte. Link.
  14. Umweltbundesamt. (2024). Radverkehr (Verkehrsträgervergleich). Link.
  15. Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). (2024). MIV und ÖPNV im Kostenvergleich. Link.

 

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